Vom Bodensee zum Königssee: Ende des Internets
Nach einem brauchbaren Frühstück starten wir in den Regen und die Wirtsfamilie der Brauereigaststätte in den Ruhetag. Der Radweg führt diesmal oft an Straßen entlang. Es geht mal rauf, mal runter. Wenn der Nieselregen mal nachlässt, merken wir es fast nicht mehr. Immerhin ist es wärmer, sodass lange Hose und Regenhose in meinen Taschen bleiben.
Die Berge verstecken sich nach wie vor. Der Verkehr hält sich in Grenzen. Auf einer kleinen Straße müssen wir Slalom um die Kühe herum fahren, die dort allein unterwegs sind. Apropos Kühe: Überall läutet und bimmelt es hier – selbst jetzt am Abend, wenn ich in der Unterkunft sitze, immerhin in einer kleinen Siedlung, fehlt diese Soundkulisse nicht.
Unsere Kaffeepause verbringen wir in einem kleinen Gasthof, in dem uns die anderen Gäste mitleidig begrüßen. Schnell bekommen die Radler aus dem Regen Taschentücher angeboten. Wir warten das Nachlassen des Regens bei Suppen, Palatschinken und Milchkaffee ab und bekommen mit, dass der Kellner über das schlecht laufende Geschäft klagt: “Kommt keiner mehr; die Leute, die früher da waren, sterben weg.”
Die Wegführung ist vielseitig. Mal geht es über asphaltierte Forststraßen, mal über ebensolche Feldwege. Wir fahren an Seen und Bahnlinien lang, begleiten Flüsse und Flüsschen. Die Wege schwenken unter Unterführungen durch und führen über Bahngleise. Manchmal landen wir auf einer Hauptstraße und begleiten die Autos im Stau, um dann schnell wieder auf weitgehend verkehrsfreie Schleichwege zu geraten.
Eine Besichtigung der Schlösser in Schwangau schenken wir uns. Die Hügel, auf denen sie liegen, hängen in den Wolken. Auf dem Weg dorthin nahm die Japaner-Dichte rasant zu. Auch Nesselwang und Füssen haben wir schnell links liegen lassen und versucht, bis zur nächsten eher bergigen Etappe möglichst noch Strecke zu gewinnen.
Die Gegend um Oy/Mittelberg, die ich von Ferienfahrten mit dem Auto noch kenne, ist im Regen kaum wiederzuerkennen. Die typischen Teletubbie-Hügel sind auf dem Rad kaum auszumachen. Womöglich fehlt einfach etwas Sonne. Unterwegs sehe ich mal Schilder nach Seeg (10 Kilometer) – dort waren wir nach Angelas Unfall vor einigen Jahren mal so nett von einer Frau in Ihrem Elternhaus aufgenommen/untergebracht worden.
In Halblech suchen wir intensiver nach einer Unterkunft und finden an einem reißenden Bach ein Mühlencafe, das angeblich auch Zimmer vermietet. Der Preis klingt O.K. und eine Frau fernöstlicher Herkunft zeigt uns Zimmer, versteht aber nicht recht, dass wir drei Einzelzimmer möchten. Dann taucht der unfreundliche Chef des Ladens auf und lässt verstehen, dass er keine drei Zimmer einzeln vermieten will, wir wollen aber schlafen.
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Harald verfolgt hartnäckig eine Schildfährte und findet letztlich das Haus, das Zimmer vermieten will. Eine ältere Dame öffnet und lässt uns nach ein wenig Überlegen und der Ansage hinein, dass sie erst die Heizung anwerfen muss und uns gern morgen um 8:30 Uhr loswerden will, weil sie einen Termin hat. Die Räume sehen gut aus und wir kommen für 23 Euro pro Nase unter, haben jeder eine eigene Kammer und teilen Klo und Bad – wobei ich heute die Präsidentensuite mit eigener Dusche abkriege. Die Räder stehen unter der Laternengarage. Leider kriegt sie das mit dem warmen Wasser nicht auf den Schirm – hat wohl gerade eine neue Solaranlage bekommen.
Der Restauranttipp der Vermieterin im gleichen Ort entpuppt sich als Niete. Der Laden ist zwar auf, aber man hat sich nicht auf Gäste eingestellt und nichts aufgetaut … Wir fragen nach eine Alternative und müssen noch mal aufs Rad einen Ort weiter. Dort ist im Hirsch richtig was los. Ich kriege ein Wiener Schnitzel mit Pommes, das anderswo vier Portionen abgegeben hätte. Die Erdnüsse zur Verschönerung des Abendprogramms an dem weitgehend Internet-losen Ort bleiben im Rucksack.
72 km, Fahrzeit 4 Stunden, 18 km/h im Durchschnitt, maximal 56 km/h