Von Hitzacker nach Havelberg
Wir wechseln bei Dömitz wieder die Elbseite, damit ich meinen Wasservorrat auffüllen kann. Georg nimmt Leitungswasser in seinen Flaschen und versetzt es mit speziellen Tabletten – ich habe lieber Mineralwasser an Bord. Allerdings ist diese “Besorge” immer recht aufwendig, weil Märkte nicht direkt am Radweg liegen. Entsprechend verfransen wir uns in Dömitz beim Versuch, den Radweg wiederzufinden. Am Markt hatte uns ein älterer Mann angesprochen und empfohlen die Hauptstraße, an der der Markt war, zu meiden und lieber ein Stück zurückzufahren. An der Polizeistation sollten wir abbiegen. Ich konnte mich an eine solche erinnern, nur das Wiederfinden hat eine Weile gedauert. Das passt zum Chaos in den Packtaschen: Ich muss noch lernen, mich darin zurecht zu finden.
Die Beschilderung ist im weiteren Verlauf zunächst mäßig. Ein DDR-Lochbetonplattenweg spuckt uns auf einer kleinen Landstraße aus. Georg wählt intuitiv die richtige Richtung – ein Hesse, der von hinten naht, als wir die Karte studieren, liefert Gewissheit. Er ist zunächst in der einen Richtung gepaddelt und fährt Retour jetzt mit dem Rad und Zelt – seine Freundin ist weit voraus, er scheint eher von der gemütlichen Sorte. Einige Weg haben roten Kiesel, als hätte da jemand einen Tennisplatz übrig gehabt. Oft stehen “Galgen” am Wegesrand der Deiche, die man dort wohl für die (Greif-)Vögel aufgestellt hat. Wege, die Längsrillen aufweisen, sind für das beladene Rad enorm fies. Es schwimmt regelrecht.
Heute erwischt uns der Regen voll von der Seite: Wir haben es zwar schnell in die Regenjacken geschafft, aber fahren beide mit einem klitschnassen Schuh bis ein Unterstand kommt – schon lässt der Regen nach. Unter dem Dach sitzt u.a. ein älteres Ehepaar, das schon mehr als 30 Tage unterwegs und bereits auf dem Rückweg von Prag ist. An dieser Stelle sehen wir wohl auch den letzten Grenzturm, an den man außen gerade eine Wendeltreppe anbaut – er ist noch nicht begehbar. Es wird freundlicher wir fahren weiter, treffen einen knackigbraunen Rennradler, der es nach kurzem Smalltalk sehr eilig hat. Eine Frau verliert eine Pedale. Wir helfen bei Suchen der Schraube, die schon mal jemand mit dem Meißel festgeklopft hat. Sie montiert den losen Arm so, dass beide Pedale unten hängen …
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Die Landschaft ändert sich. Sie ist nicht mehr so weitläufig, sondern oft von Baumgruppen unterteilt. Es stehen viele wild blühende Blumen in der Gegend herum. An den Deichen finden sich viele Schafherden. Auch Kühe sieht man. Wir kommen nach Wittenberge und finden dort mit Blick auf Hafen und Brücken ein Cafe, das brauchbaren Milchkaffe und leckeren Kuchen bietet. Ich kriege seit dem die Idee nicht mehr aus dem Kopf, ein Stück Stachelbeertorte mit Baiser zu essen! Was vergleichbar Gutes hat sich nicht (mehr) gefunden. Auch die Bedienung war bemerkenswert: Ein Kerl, der eher als Modell in einem Prospekt für aktuelle Mode denn als Kellner für das Damenkränzchen am Nachbartisch geeignet gewesen wäre.
Aus Wittenberge heraus fahren wir durch Industrieruinen, über eine abgewrackte Brücke mit reichlich Kopfsteinpflaster und landen – alte, nicht mehr genutzte Industriehallen in den unterschiedlichsten Erhaltungsstadien sieht man hier überall. Man kann die Schönheit der Bauten, die noch aus der Vor-DDR-Zeit stammen müssen, oft noch erahnen. Manchmal werden sie weiter genutzt, so gesehen: Von vorne stand das ursprüngliche “Wasser und Stromversorgung” angeschrieben und an an der Seite fand sich dann das Feuerwehrschild und passende Tore.
Nachdem die Scheußlichkeiten überwunden sind, wird dieser Weg erfrischend anders. Eine Umleitung führt zunächst in das Dorf der Störche Rühstädt, in dem jährlich bis zu 40 Störche nisten. Tatsächlich sind viele Nester voll. Anschießend fahren wir lange Zeit auf einer Insel zwischen Havel und Elbe: kaum ein Mensch – wir überqueren mehrere Wehre, die hier die Pegel regulieren helfen. Wir treffen einen allein reisenden Radler, der mich in seiner Sprechweise an Helmut, einen Freund meiner Eltern erinnert. Die allein reisenden Radler sind oft sehr gesprächig. Die Einfahrt nach Havelberg, auf das ich sehr gespannt bin, ist scheußlich: Ruinen, Beton, Müll. Die Brücke auf die Insel ist abrissreif, die neue entsteht schon gleich neben dran.
Leerstehendes
Haus in Havelberg
Wir finden ein kleines Hotel, das pro Nase und Einzelzimmer 32 Euro mit Frühstück kostet. Die Wirtin erinnert mich an Rosi. Die Fahrradgarage ist eine Hausruine in der Seitenstraße gegenüber. Wir vergewissern uns nicht, wie die Rückwand dieses Projekts aussieht. Ich habe aus meinem Zimmer eine gute Sicht auf die Brücke und ein großes Leerstehendes Haus gegenüber. War zu DDR-Zeiten sicher mal wichtig. Das ganze Hotel ist verschnörkelt eingerichtet, nachgemachter Stuck an den Decken, Kronleuchterchen, Rosen, gedrechselte Anrichte auf der Frühstücksetage (der Esstisch steht im Treppenhaus). Liegt sehr laut, in der Gabelung des ein- und ausfahrenden Verkehrs in Havelberg.
Wir besteigen den Berg mit dem Dom drauf hinter der eigentlichen Insel. Auf dem Berg hat sich ein Italiener niedergelassen. Er ist etwas merkwürdig: Die Salami-Pizza ist (wie viele andere Pizzen und Gerichte auch) nur mit Plockwurst zu haben – Blutwurst laut Georg, sieht aber eher nach grober Cervelat-Wurst aus, sagt eine Bildersuche bei Google. Auch der Tomatensalat ist eine interessante Interpretation. Anziehender Regen treibt uns den Berg hinunter, damit wir nicht allzu nass im Hotel ankommen. Als wir unten sind geht es nicht recht los. Wir nehmen ein Bier im Ratskeller und schlafen fast ein.
Liebevoll
und ohne Plockwurst
Nach einigen Metern an frischer Luft sind wir wieder wach und noch immer durstig. Wir gehen in den Kneipenteil der ausgebuchten Biergarten-Pension und – bingo – der Wirt erkennt Georg. Für ein paar Tipps und Handgriffe zur Installation eines freien Antivirus-Programms gibt es noch ein Bier auf das schon bezahlte obendrauf und ein paar interessante Geschichten, Tipps und tolle Luftbilder von Havelberg. Wir sollten morgen unbedingt den Weg abkürzen, der offizielle Radweg sei so gelegt, dass auch entlegenere Orte mal “Besuch” bekommen …
Laut Tacho: 121 km, 5:36 Fahrzeit, 21,6 km/h Schnitt, 34 km/h max