Durchs steinerne Meer
Die Idee, am nächsten Morgen früh aufzustehen, um möglichst nicht die Reste des Frühstückbuffets aufpicken zu müssen, war gut. Es herrscht ordentlicher Andrang und so kommen wir früh los. Vom Kärlingerhaus geht es in Richtung Riemannhaus. Wir kreuzen viele Schneefelder.
Auf den Schneefeldern findet sich mitunter mal rote Verfärbungen. Es gibt wohl mehrere Theorien, woher die stammen: abgelassenes Flugbenzin, Reste von Skitouren, Sand aus der Sahara oder Algen – letzteres scheint mir am plausibelsten.
Wie Brücken liegen die Schneefelder im Steinernen Meer
Am Riemannhaus schmeckt die Suppe schon wieder sehr gut, auch Kakao und AV-Getränk kommen gut. Wir beobachten die Kletterausbildung am Hausberg Sommerstein. Weiter links sieht man auf dem Grad einen Trupp lang laufen, der gefühlt in Minuten den Abstieg macht und dann auch an der Hütte auftaucht. Man blickt von der Terrasse runter Richtung Österreich. Die Hütte hat eine Materialbahn.
Als wir aufbrechen wollen, zieht sich der Himmel zu und es fängt an zu grummeln. Rosemarie macht den Eindruck, aufbrechen zu wollen. Doch die meisten anderen ziehen sich in die Hütte zurück, wir auch. In der Stube kann man eine Reihe von ausgestopften Murmeltieren bewundern. Ich hätte gedacht, dass die deutlich kleiner sind.
Die Stube füllt sich bis auf den letzten Platz. Wir trösten uns mit Kartenspielen, Kaiserschmarrn auf Räuberteller und warten darauf, dass sich Gewitter und Regen verziehen. Aus der warmen Stube sieht es grau aus, was wohl auch an den kleinen Fenstern liegt.
Gewitter und Regen haben für eine erhebliche Abkühlung gesorgt, sodass ich die lange Hosenbeine montieren muss. Das geht letztlich nur mit Hose ganz ausziehen; ich hatte zwar extra eine Hose geschossen, bei der auch ein Längsreißverschluss am unteren Drittel des Hosenbeins dran ist, aber das Gefrickel mit den Reißverschlüssen werde ich wohl bei angezogener Hose etwas üben müssen.
Als ich schließlich den Kampf mit der Hose gewonnen habe, sind die anderen schon voraus. Rosemarie wartet aber. Als wir die anderen einholen, sind die schon eine Schneewand halb hoch gekrabbelt. Ein Bergführer hat sie dort hoch geschickt. Es sind letztlich Stufen in einem Schneefeld, das gefühlt in einem 60 Grad-Winkel vor einem aufragt. Ich gehe als letzter.
Unterwegs ziehe ich nur die Hälfte meines Stocks aus dem Schnee heraus. Ich schiebe die Stöcke zusammen, so sind sie eine große psychologische Hilfe beim Erklimmen des Schneefelds. Bald wird es flacher. Ein Segen. Über lange Zeit wechseln sich Schneefelder und steinige Passagen ab. Kurz bevor wir das Ingolstädter Haus erreichen, finden wir immer wieder Spuren eines Tiers im Schnee, das sechs Zehen hat. Wir finden nicht heraus, was das ist.
Nicht weit vom Ingolstädter Haus entfernt findet sich eine Gedenkstätte für Wanderer, die vor einigen Jahren verunglückt sind. Es waren drei Leute, die in schlechtes Wetter geraten waren. Statt den Kräftigsten los zu schicken, um Hilfe zu holen, gingen sie zusammen und nur einer hat es überhaupt bis zur Hütte geschafft, ein weiterer konnte gerettet werden.
Kurz vorm Ziel haben wir noch eine schwierige Passage zu meistern: eine Querung auf einem steiler abfallenden Schneefeld. Innerhalb der Querung müssen wir mit einem großen Schritt einen Höhenunterschied überwinden. Während ich warte, dass die anderen weitergehen, damit ich genug Platz hinter der Stelle habe, merke ich, wie die Tritt im Schnee langsam nachgibt. Ich sehe dann zu, dass ich die Stelle überquere. Hier würde man sich mal einen Handgriff wünschen, aber außer den Stöcken gibt es nichts.
Beim Überqueren der diversen Schneefelder lernt man, wie man es macht, ohne mit einem Bein bis zum Knie oder weiter einzusinken: Die Stöcke helfen bei der Beurteilung, wie dick und fest der Schnee ist. Steine, die herausragen sind eine gute Stütze, aber auch Indiz, das da nicht viel Schnee sein kann. Tiefe Löcher, die der Schnee verdeckt, sieht man eben auch nicht. Leider ich bin der Schwerste.
Schnell verschwindet ein Bein im Schnee
Das Ingolstädter Haus ist die schickste Hütte, was wohl auch daran liegt, dass sie gerade renoviert haben. Wir sind in einem neu angebauten Zimmerlager mit fünf Betten untergebracht. Das Haus hat eine riesige Terrasse mit Blick auf das Steinerne Meer. Der Duschraum ist komfortabel, dass man spezielle Duschmünzen und keine Euronen braucht, merke ich erst, als ich alle Klamotten abgelegt habe.
Die Feuchtigkeit bekommen wir dank eines Trockenraums wunderbar aus allen Klamotten raus. Die Wirtin meint zwar, der Raum sei nicht in Betrieb, aber da irrte sie wohl. Das einzige, was nicht wirklich trocken werden will, sind meine Schuhe. Die dürfen aber ohnehin nicht mit Gewalt trocken werden.
Neben dem Trockenraum ist die Bergstation der Materialseilbahn. Während ich mit Nikolai auf einer Bank den Blick in den Sonnenuntergang genieße (als wir ankamen sah es noch gewittrig aus), läuft die Seilbahn. In der Gondel, die wie eine PKW-Anhänger-Ladefläche aussieht, sitzt ein Typ mit Bergwachtjacke, Mütze und Sonnenbrille, der offenbar rücklings mit der Bahn noch oben gefahren ist. Leider habe ich keine Kamera griffbereit.
Download
Das Hochbett, das ich bekomme, ist zwar neu und solide, sogar einigermaßen breit, doch wirklich gut schlafe ich darin nicht. Es fehlt ein Geländer, sodass ich nicht wirklich entspannt darin liege. Hinzu kommen die Sägegeräusche, die meine Ohrstöpsel nur filtern, nicht aber vollständig ausblenden. Es gibt wie immer Etappenschlaf.
Die Hütte ist gastfreundlich, die Stube am Abend prall gefüllt – auch die drei Mädels sind wieder da. Am Nachbartisch sitzt ein Mann, der allein mit Hund “Lucky” unterwegs ist. Allerdings ist die Hütte auch sehr auf Durchsatz optimiert. Die Chefin kassiert sofort alles. Beim Frühstück muss man jede Scheibe Brot oder jeden Kaffee extra zahlen.
Das alles kommt aber freundlich rüber. Am nächsten Morgen leiht uns die Hüttenbesatzung eine Zange, damit wir Nikolais Stöcke auseinander bringen. Der Blick am Morgen von der Terrasse ist super, was natürlich daran liegt, dass es beim Aufbruch einfach viel klarer ist als am Abend.
Laut GPS: 11 Stunden Gehzeit, 16 km
Laut Höhenmesser 1201 Meter Aufstieg