Runter und rauf
Der letzte “echte” Wandertag beginnt mit einem frühen Frühstück, zu dem es frisches Obst gibt – das lernt man sehr zu schätzen – auch wenn ich ein paar Äpfel dabei hatte und über die Tage verteilt gegessen habe. Der Hundebesitzer ist diesen Morgen sehr bedröppelt: Sein Hund ist in der Nacht gestorben. Magen oder Darm hatten sich wohl verdreht – etwas, was eigentlich nur bei Pferden vorkommt.
Den ersten Teil des Wegs legen wir gemeinsam zurück. Der andere Peter und ich wollen die Saugasse herunter gehen, während der Rest einen anderen Weg nimmt, der voraussichtlich etwas schwieriger ist. Die Saugasse geht sich bergab um diese Zeit wie von selbst. Trotzdem kostet das Bremsen Kraft. An einer Hütte warten wir auf die anderen, die auch bald schon auftauchen.
Auch danach windet sich der Weg weiter auf das Niveau des Königssees hinunter. Teils ist er jetzt sogar asphaltiert. Am See angekommen nimmt Friedrich ein schnelles Bad – fast war mir auch danach. Wir laufen dann an einem nahezu ausgetrockneten Flussbett entlang, das im Winter wohl das Schmelzwasser dem See zuführt. In praller Hitze ohne Schatten über Steine und das in der Tiefe – und damit Hitze – es gibt angenehmeres.
Strandatmosphäre
am Königssee
Wir kommen auf dem Weg nach St. Bartholomä an der Watzmann-Ostwand-Hütte vorbei (einer Selbstversorgerhütte für Leute, die auf den Watzmann steigen wollen). Die Zivilisation hat uns wieder – furchtbar: Der Riesenbiergarten mit seinen Sonnenschirmen, kalten Getränken und einer Mahlzeit ist jetzt trotzdem willkommen. Friedrich kämpft mit der Hitze.
Der Versuch, für Postkarten nur Briefmarken zu kaufen, ergibt zunächst eine sehr unfreundliche Ansprache, geht dann aber doch ohne weitere Ansagen. Es ist nicht zu glauben, aber es gibt keinen Postkasten in St. Bartholomä. Peter fährt glücklicherweise mit dem Schiff weiter, um dann einen weniger herausfordernden Aufstieg zur letzten Hütte zu machen, und steckt die Karten in Schönau ein.
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Auf dem Weg zum Rinnkendlsteig laufen wir ein Stück am Königssee entlang, wo die Leute tatsächlich baden gehen und sich sonnen – wie am Strand. Es gibt sogar leichten Wellengang, wahrscheinlich vom Wind. Dann kommt die wohl anstrengendste Passage der Wanderung ein Steig. Es geht zunächst aber harmlos hoch. Im Wald ein eher schlecht gekennzeichneter Weg. Irgendwann kommt uns ein älteres Ost-Ehepaar entgegen und klopft blöde Sprüche über den Weg: Warten Sie mal wenn keine Bäume mehr da sind.
Rosemarie ist begeistert: Bange machen gilt nicht. Ihr Rucksack streift den der Ost-Dame – auch eine Möglichkeit, solche Leute vom Berg zu holen ;-) Es folgen dann erwartungsgemäß Querungen und ausgesetzte Stellen, die nicht ganz ohne sind. In der Regel sind die aber mit Leitern und Stahlseilen gesichert. Wobei die Leitern wenig vertrauenerweckend sind, oft schon morsch, vergammelt oder unvollständig. Bei Nässe will man dort nicht lang.
100% geheuer ist mir das nicht. Hätte ich es vorher gewusst, wäre ich wohl auch Boot gefahren. Mit mehr als 10 kg Gepäck auf dem Rücken und in einer Hand die Wanderstöcke in den Fels geschlagene Tritte zu gehen, ist für einen Flachlandtiroler nicht nur Vergnügen – unterm Strich aber gibt das mehr Adrenalin als schöne Kurven auf dem Motorrad.
Kurz nach der Ansage des Ost-Paares hören wir oben am Berg Leute, die mit Helmen und Pipapo ausgestattet sind. Wir vermuten zunächst, dass das ein Klettertrupp ist, der weiter oben am Berg aktiv ist. Letztlich stellt sich aber heraus, dass die unseren Weg heruntergehen. Auf einer langen Leiter ist dann klar, dass es sich um einen Kegelverein oder ähnliches handelt.
Blick
vom Rinnkendlsteig zurück nach St. Bartholomä
Die sind mit Führer unterwegs und alle mit Klettersteigset in die Stahlseile eingehängt. Nur der Führer steht freihändig auf der Leiter und klopft Sprüche. Wir müssen auf der Talseite ohne Sicherung an den am Berg angebundenen Jungs vorbei. Sie verdecken die Seile, die wir zu unserer Sicherung greifen könnten. Ich greife statt dessen beherzt in behaarte Männerwaden.
Der Weg geht noch eine Weile mit kleineren Herausforderungen weiter und wird dann wieder einfacher. Wir nehmen vor der letzten Hütte noch die Archenkanzel, einen Aussichtspunkt mit – von der Kührointhütte aus, wäre das ein längerer Gang, auf den wir eher keine Lust mehr hätten und zum Runterkommen ist es auch ganz gut, sich etwas die Beine zu vertreten.
In der Hütte läuft ein Fernseher, aber wir haben Glück und niemand scheint hier ernsthaft Fussball schauen zu wollen. An der Hütte angegliedert ist eine Informationsstätte über den Nationalpark Berchtesgaden, in dem wir seit Tagen unterwegs sind. Wir lernen dort eine ganze Menge: An der Natur wurde für die Salzgewinnung Raubbau betrieben. Für das Salz war Holz nötig. Das führt zu Monokulturen, die man jetzt langsam wieder abbauen will. Teile des Nationalparks sind inzwischen sich selbst überlassen, andere werden noch gepflegt. Ziel ist es, wieder Mischwald zu etablieren.
Laut GPS: 10 Stunden Gehzeit 30km
Laut Höhenmesser: 1213 runter, 800 Meter rauf